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Bericht in der Saarbrücker Zeitung vom 27.02.2010

Yvonne Ploetz: Stolz wie Oskar im Bundestag


Berlin. Jetzt lächelt der Polizist, der für gewöhnlich böse blickt, um die Touristen abzuschrecken. Wenn der Bundestag tagt, darf niemand, der nicht dazugehört, auch nur in die Nähe des Hintereingangs. Der Mann in Grün grüßt freundlich, das war's. Keine Nachfrage, keine Ausweiskontrolle, nichts. Auch das Wachpersonal des Reichstags lässt die junge Frau ohne eine Sekunde des Zögerns durch. Yvonne Ploetz, 25, aus Bliesdalheim ist angekommen auf der großen Polit-Bühne. Es ist ihre zweite Sitzungswoche in der Hauptstadt. Sie gehört jetzt dazu, auch wenn sie das selbst noch nicht so ganz begriffen hat. Dafür ging alles zu schnell.

Ploetz-lich Abgeordnete: Vor Wochen war die Politik-Studentin noch vor allem mit der Uni beschäftigt, bereitete sich auf Klausuren vor, schrieb an einem Referat über Frauen in Führungspositionen. Dann kam alles anders.

Der Tag, der ihr Leben veränderte, war ein Freitag. Es war der Tag, als sie Oskar Lafontaine zu sich nach Hause einlud, in seine Villa auf dem Limberg. Bei einem Glas Sprudel machte ihr der Parteichef klar, dass sie ihn ablösen soll im Bundestag.

Schon im Superwahljahr 2009 hatte Lafontaine sie unterstützt. Er war auf der Suche nach einem jungen Gesicht für den Wahlkampf und schlug sie für den dritten Platz der Landesliste vor. Natürlich wurde "Oskars Mädchen" gewählt. Dass sie als erste Nachrückerin Chancen hatte, in den Bundestag zu kommen, hatte sie zwar "immer im Hinterkopf". Dass es so schnell gehen könnte, damit aber hätte sie "nie gerechnet".

Von einem Tag auf den anderen stand Ploetz im Fokus der Öffentlichkeit. Die Presseleute der Linkspartei hatten Mühe, die ganzen Journalisten abzuwimmeln, auch Anne Will wurde vertröstet. Denn zunächst wollte sie sich vorbereiten auf die "riesige Herausforderung", und zudem standen in den ersten Wochen des Jahres jede Menge Klausuren an. Ihr Studium will sie nämlich durchziehen, nicht nur, weil sie das Lafontaine versprechen musste.

In Berlin sei sie herzlich aufgenommen worden, sagt Ploetz: "Die Hilfsbereitschaft und Offenheit, aber auch der Kampfgeist der Fraktion haben mir schnell gezeigt: Hier bin ich absolut richtig." Als Linken-Abgeordnete möchte sie "ständig Druck auf die anderen Parteien machen", was am Freitag deutlich zu sehen war. Bei so wichtigen Fragen wie Krieg oder Frieden müssten ungewöhnliche Mittel erlaubt sein, findet Ploetz: "Grenzüberschreitung und ziviler Ungehorsam haben dann auch im Parlament ihre Berechtigung. Ich bin jedenfalls stolz auf diese Aktion."

Ploetz hat sich vorgenommen, "für eine bessere Gesellschaft zu streiten", und sie hat dabei keine Angst vor Gegenwind. "Mich wird nicht jeder lieben, sollen sie auch nicht", sagt die frühere Judo-Saarlandmeisterin und ehemalige Stürmerin der SG Parr-Medelsheim: "Beim Fußball habe ich gelernt: Wer angegriffen wird, hat den Ball am Fuß und befindet sich auf dem Weg zum Tor."

Bis sie Tore machen kann, wird sicher noch einige Zeit vergehen. Noch wohnt sie im Hotel, noch ist ihr Büro nicht bezugsfertig, noch sitzt sie in keinem Ausschuss, noch hat sie insgesamt einige Mühe, sich zu orientieren in der neuen großen Welt. Doch sie will für einen Stammplatz kämpfen. Und will das Vertrauen rechtfertigen, dass Lafontaine („Sie ist sehr talentiert“) in sie setzt. Wobei ihr sehr wohl bewusst ist: „Oskar ist nicht zu ersetzen.“